Kleider machen Leute – ein Lehrprojekt zwischen Schule und Universität
In den Mittwochmorgenstunden der Monate Februar und März war viel los in der Klasse 8.3: Im Fach Gesellschaftslehre fand zum Rahmenthema „Kleider machen Leute“ eine Kooperation mit der Mittelalter-Germanistik der TU Braunschweig statt; dort hatte sich ein entsprechend benanntes Hauptseminar im vergangenen Wintersemester umfassend mit den Funktionalisierungen von Kleidung in mittelalterlichen Ritterromanen, Heldenepen und schwankhaften Kurzerzählungen befasst.
Unter der gemeinsamen Leitung von Klassenlehrer Robert Hain und Universitätsdozent Dr. Martin Sebastian Hammer nutzten drei Studierende die Gelegenheit zum Transfer aus dem Seminar- in den Klassenraum, um sich einmal ganz ungezwungen selbst als Lehrpersönlichkeiten auszuprobieren. Im Fokus der Einzelstunden standen Themen wie „Kleidung und Gruppenidentität“, „Kleidung und Status(wechsel)“ oder „Herrscherinnen-Kleidung zwischen Repräsentation und Emanzipation“. Diese Inhalte wurden, ganz im Sinne eines fächerverbindenden Unterrichts, sowohl anhand von literarischen Texten als auch von aktuellen gesellschaftlichen Diskursen erarbeitet, wodurch viele Lebensweltbezüge gelangen. Mit jeweils mindestens fünf kompetenten Ansprechpartner:innen im Raum – häufig kamen auch noch Pflichtpraktikant:innen hinzu – herrschte eine außergewöhnlich hohe Betreuungsquote, sodass auch komplexe Materialien gemeinsam durchdrungen werden konnten. Die nachfolgenden Absätze spiegeln die Eindrücke der drei Studierenden wider, die nicht nur Praxiserfahrung sammeln, sondern mit der IGS Franzsches Feld auch eine spannende Schule kennenlernen durften:
„In unserer Stunde konnten wir aufzeigen, dass mittelalterliche Literatur durchaus Zugänge zu Themen der Gegenwart ermöglicht und deshalb auch schon in der Schule (statt erst an der Universität) mit Gewinn genutzt werden kann. Bestimmt wurde auch ein wenig Interesse an mehr geweckt!“ (Luca Kleemann, Student der Fächer Anglistik und Germanistik für das Lehramt an Grundschulen im 2. Mastersemester)
„Das Mittelalter ist nicht gerade für die Emanzipation der Frau bekannt; beschäftigt man sich jedoch intensiver mit den mittelalterlichen Texten, wird deutlich, dass Frauen durchaus eine zentrale Rolle einnehmen und die jeweilige Handlung maßgeblich beeinflussen können. Dadurch, dass wir die Klasse schon seit einigen Wochen kannten, konnte ich eine Verbindung zu den Schülerinnen und Schülern aufbauen und meinen Unterricht an die verschiedenen Leistungsstärken innerhalb der Klasse anpassen. Das Projekt hat es geschafft, das scheinbar ‚praxisferne‘ Uniseminar mit realem Unterricht zu verbinden, wofür ich der Projektleitung sehr dankbar bin.“ (Maxima Heidel, Studentin der Fächer Deutsch und Philosophie für das Lehramt an Gymnasien, 4. Semester)
„In einer Stunde zum Thema Statuswechsel und (Ver-)Kleidung erarbeiteten wir mit den Schüler:innen, wie unterschiedlich die Menschen in der mittelalterlichen Literatur aufgrund ihrer Kleidung behandelt werden, und zogen daraus Parallelen zu heutigen Lebensrealitäten. Besonders gut gefiel mir am Schulprojekt, dass die Schüler:innen so offen an die ungewohnten mittelalterlichen Texte herangegangen sind. Die Klasse und das Konzept der IGS haben mir besonders gut gefallen – insbesondere, dass sich alle durchgängig gegenseitig unterstützt haben.“ (Benjamin Vitt, Student der Fächer Geschichte und Germanistik für das Lehramt an Gymnasien im 2. Mastersemester)
Den positiven Statements der Studierenden möchten wir uns vollumfänglich anschließen; gleichzeitig zeugt die Zahl von ‚nur‘ drei Projektteilnehmenden von den strukturell bedingten Herausforderungen eines Praxistransfers neben omnipräsenten Pflichtveranstaltungen und -praktika, zumal das Schulprojekt in ihrer vorlesungsfreien Zeit stattfand. Wie in Zukunft noch mehr Studierende für freiwillige Brückenschläge vom Seminar- in den Klassenraum zu gewinnen wären, wie wir vielleicht auch in der Seminarorganisation eine engere Verzahnung von Universität und Schule anbahnen könnten, nehmen wir als Denkaufgabe für die Zukunft mit – an inhaltlichen Ideen für weitere Kooperationen mangelt es uns jedenfalls nicht. In diesem Sinne schließen wir zuversichtlich: Fortsetzung folgt!
Robert Hain und Martin Sebastian Hammer
